Guten Tag meine Damen und Herren!Ich heiße Manfred Roth und komme aus Pfullendorf, bin 50 Jahre alt, verheiratet und habe 2 Töchter mit 22 und 24 Jahren.
Zur heutigen Veranstaltung in Sigmaringen zum Tag des Schlaganfall, sollte jemand von unserer - Selbsthilfegruppe nach Schlaganfall Sigmaringen und Umgebung - einen Vortrag über das Leben nach Schlaganfall halten. Da von unserer Gruppe sich kein anderer getraut hatte, habe ich mich entschlossen, diesen Vortrag zu halten.
Nun möchte ich ihnen über meinen Schlaganfall kurz berichten, der im September 1999 mein Leben „schlagartig“ änderte.
Mein letzter Arbeitstag in meiner Firma !
Es war für mich ein normaler Arbeitstag. Kurz vor Feierabend kommt noch ein Eiliger Storno-Auftrag per Fax zu mir herein. Ich hätte den Auftrag ja liegen lassen können und am nächsten Morgen dann erledigen, aber nein, wie ich immer war, wollte ich mein Schreibtisch am Abend aufgeräumt haben, um am nächsten Morgen ruhig anfangen zu können. Ich erledigte ihn ganz schnell, so dass ich um 16:00 Uhr nach Hause fahren konnte, ich kaufte mir noch ein Buch in Pfullendorf und fuhr dann nach Hause.
Und ab jetzt ging es alles rasend schnell.
Um 17:00 Uhr bin ich mit meiner Frau noch am Esstisch gesessen und wir haben das eben gekaufte Buch gemeinsam angeschaut. Anschließend bin ich zu meinen Kaninchen gegangen um sie zu füttern und sie für die Kleintierschau kommender Woche schaufertig zu machen.
Was war auf einmal mit mir los?
Plötzlich konnte ich die Stalltüren nicht mehr schließen, weil meine Arme und Hände nicht mehr das taten was ich wollte. Die Koordination der Arme und Hände stimmten nicht mehr überein.
Ich fühlte mich richtig schläfrig und benommen.
Ich ging dann sofort ins Haus und legte mich aufs Sofa um zu schlafen. Als unser Telefon klingelte, stand ich auf und wollte es abheben, zufällig war meine Frau daneben und sie sah, wie ich das Telefon suchte und dann auf den Boden schubste.
Ich hätte reagiert wie ein Betrunkener, sagte meine Frau später.
Meine Frau rief gleich den Hausarzt an, ich war zwar dagegen, denn ich wollte nur ins Bett, ich war so müde.
Der Hausarzt kam sehr schnell zu uns und machte mit mir gleich einen Koordinationstest der Arme und einen Gesichtfeldtest der Augen.
Er vermutete sofort was sein könnte und rief den Krankenwagen an und informierte auch gleich Hr. Dr. Ober im Krankenhaus Sigmaringen.
Zum Glück, er war mein großer Schutzengel
Als ich im Krankenhaus etwa um 19:00 Uhr ankam, warteten schon Dr. Ober und Dr. Pluto auf mich.
Alles was nachher geschah, das ging so schnell. Von einer Untersuchung zur anderen mit dem Fahrstuhl nach oben und wieder nach unten und so weiter.
Mein letzter Satz, den ich noch weiß, war:
Mir tut doch nichts weh, mir fehlt doch nichts, ich bin nur müde und will schlafen.
Am nächsten Tag wachte ich auf der Intensivstation auf.
Alles was ich sah, war ganz verschwommen und undeutlich, ich sah zwar den Umriss der großen Uhr im Raum, aber ich konnte die Zeit nicht ablesen.
Einen Tag später kam ich auf mein Zimmer und habe die Ruhe genossen.
Ich wollte kein Telefon, Radio, Fernsehen und auch keine Besuche haben, ich wollte überhaupt nichts mehr hören, mir war alles zuviel.
Ich musste wieder frei laufen lernen.
Nach ein paar Tagen lernte ich wieder mit Begleitung, langsam gehen und auch bald wieder Treppen steigen. Zum Glück ist mir keine Lähmung zurückgeblieben.
Nach 2 Wochen sollte ich eine Reha beantragen, ich habe es strikt abgelehnt, weil ich mich eigentlich gut fühlte und nur nach Hause zu meiner Frau und den Kindern wollte.
Nächstes Wochenende durfte ich nach langem bitten und betteln für 1 Nacht nach Hause. Ich habe mich riesig gefreut, von Samstagnachmittag bis Sonntag alleine bei meiner Familie zu sein.
Nach dem Kaffeetrinken am Sonntagmittag gegen 16:00 Uhr, war mir auf einmal alles zuviel, ich ging ins Bett und heulte zu erst einmal und dann bat ich meine Frau, mich sofort wieder ins Krankenhaus zurückzubringen.
Gleich am Montag danach, beantragte mein Sozialberater vom Krankenhaus eine Reha -Maßnahme. Meine Reha in Allensbach in den Schmieder Kliniken
Nach vielen Untersuchungen, Test’s und Gespräche in den Schmieder Kliniken kam ich bald zu einer Berufstherapie. Dort sollte ich leichte Rechenaufgaben lösen (das 1x1 Rechnen, plus, minus und geteilt). Ich dachte zuerst, das ist doch eine Kinderaufgabe, aber doch nichts für mich.
Aber da habe ich mich enorm getäuscht.
Alle Aufgaben mit einem Sprung über einen Zehnerschritt hinaus, waren falsch, ich konnte es nicht fassen, dass ich nicht mehr kopfrechnen konnte.
Ich war verzweifelt.
In Einzelübungen und Therapien ging es bald recht gut, aber in einer Gruppe konnte ich mich nicht konzentrieren.
Nach gezieltem Hirnleistungstraining, Übungen und Einzelgesprächen wurde es in der Reha immer besser. So war ich 6 Wochen in der Reha und habe sehr viel wieder erlernt.
Wieder Zuhause
Ein Jahr war ich zuhause ohne eine Therapie zu machen und ich wurde immer häufiger depressiv und ungeduldig, ich wollte wie früher sein.
Ich machte noch mal eine Reha in Allensbach, aber da habe ich leider keinen so großen Fortschritt gemacht, meine Erwartungen an mich selbst waren zu groß. Die Ärzte und Therapeuten in der Rehabilitationsklinik empfahlen mir, als die Reha zu Ende war im Entlassungsgespräch, ich sollte bitte die Rente beantragen.
Ich kam mir vor, wie ein Faulenzer.
Ich mutete mir nichts mehr zu, weil ich Angst hatte einen Fehler zu machen.
Ich hatte auch Angst vor Bekannten und Verwandten, die mir oft die Frage stellten. Wieso?, Warum?, Weshalb?.
Ich brauchte schnelle Hilfe.
Nach einem Arztvortrag in der Selbsthilfegruppe, empfahl mir der Neurologe einen Psychologen und einen Ergotherapeuten aufzusuchen.
Ich suchte mir eine Psycho- und eine Ergotherapeutin. Sie brachten mich dann mit Gesprächen und Hirnleistungstraining wieder aus meinem tiefen Loch heraus.
Ohne sie hätte ich das alleine bestimmt nicht geschafft.
Mein Kurzzeitgedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit, die Belastbarkeit und die Verarbeitungsgeschwindigkeit haben in dieser schwierigen Zeit nach dem Schlaganfall sehr gelitten.
Ich wollte kein Behinderter sein.
Für außen stehende sind körperliche Beeinträchtigungen sofort sichtbar.
Dem Betroffenen selbst bereiten jedoch auch die Störungen großen Kummer, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, wie Gedächtnisprobleme. Dabei ist mein Langzeitgedächtnis noch relativ gut, aber mein Kurzzeitgedächtnis und die Belastbarkeit sind stark betroffen.
Ich kann nur alleine und in Ruhe ohne Zeitdruck arbeiten, ansonsten werde ich nervös und unruhig. Seit 2002 bin ich in Frührente, und arbeite seither viel im Hauhalt und im Garten, oder mache vieleEhrenamtliche Tätigkeiten. Empfindlichkeit
Der Lärm und Geräusche strengen mich enorm an, ich leide heute nach 8 Jahren manchmal noch darunter. Häufig wird die Geräuschkulisse zu groß für mich - ich habe dann das Gefühl, mein Kopf würde zerspringen. Ähnlich empfinde ich, wenn mehrere Personen in einem Raum sich unterhalten, wie es bei kleineren Familienfesten bei uns vorkommt.
Meist sind es 10 bis 30 Personen, die lebhaft miteinander reden und lachen. Früher habe ich es genossen, viele Gäste um mich herum zu haben. Heute kann ich solche Feste kaum mehr ertragen, so stark fängt mein ganzer Kopf an zu brummen. Oft ärgere ich mich über mich selbst, dass ich so empfindlich geworden bin und dass ich damit vor allem auch meine Frau einschränkte.
Besuch der Selbsthilfegruppen
Regelmäßig gehe ich seit 7 Jahren zu den Selbsthilfegruppen nach Sigmaringen und Ravensburg. Diese Begleitung unterstützt mich sehr, denn gemeinsam geht es leichter mit den Problemen zu leben.
Wir in Sigmaringen, treffen uns regelmäßig 1 mal im Monat um unsere Erfahrungen und Probleme mit der Krankheit untereinander auszutauschen, und anderen am Anfang nach dem Schlaganfall oder Angehörigen eine Hilfestellung zu geben.
Einige davon treffen sich seit einem Jahr, jeden Mittwochnachmittag von 17:30 – 19:30 um an Spielstunden, Gedächtnistraining oder beim Kegeln.
Viele langjährige Freude habe ich nach meinem Schlaganfall verloren, weil sie für mich zu anstrengend waren oder wenig Verständnis hatten.
Aber durch die Selbsthilfegruppen und Vereine habe ich wieder viele andere nette Freundschaften gefunden.
Ohne diese Selbsthilfegruppen würde ich etwas vermissen.
Und nun habe ich noch Tipps und Ratschläge für die Angehörigen von Schlaganfallpatienten:
Liebe Angehörige!
1. Denken sie Bitte daran, wenn sie mit dem Betroffenen reden, schauen sie ihn an, denn schon die Mimik des Sprechenden erleichtert das Verstehen.
2. Lassen sie den Patienten selbst entscheiden, wann er welche alltäglichen Aufgaben, die früher für ihn selbstverständlich waren, neu erlernen möchte.
3. Sie merken, dass der Patient von ihnen abhängig wird. Bitte - lassen sie ihn das nicht spüren! Der Patient ist der gleiche Mensch wie vor dem Schlaganfall.
4. Mit ausführlichen Gesprächen finden sie als Angehöriger und Patient vielleicht eine Möglichkeit, den Schlaganfall gemeinsam zu überwinden. Das richtige Maß zu finden ist sehr schwierig, denn das bedeutet Auseinandersetzungen zwischen dem Kranken und dem Angehörigen.
5. Da die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Merkspanne bei den meisten Patienten stark reduziert sind, sollte man folgendes beachten:
- will man mit dem Patient reden, sollte man ihn zuerst mit dem Vornamen ansprechen, damit er sich auf das Gespräch einstellen kann und erst dann langsam und deutlich weiter reden.
Denn unser Gehirn ist wie ein Computer, wenn man was von ihm will, muss man ihn auch zuerst einschalten oder wenn er auf Ständbay ist, auf eine Taste drücken und sich bemerkbar machen, damit er auf Bereitschaft geht.
Auch der Computer braucht eine gewisse Zeit bis er einsatzbereit ist.
Nach dem Schlaganfall habe ich mir einen Hund angeschafft, seither ist er mir ein guter Begleiter oder, wie man auch sagt, eine gute Ersatztherapie zur Ergotherapie und Gesprächstherapie.
Ich habe in dieser Zeit wieder viel erlernt „und auch dazugelernt“, denn einen Vortrag hätte ich vor meinem Schlaganfall, vor so einem Publikum nicht gemacht.
Auch viele kleine Schritte ergeben einen großen Schritt.
Es war für mich ein langer Weg, manchmal war er auch sehr mühsam.
Nun mein letzter Satz : Der lange Weg, bis hier her hat sich gelohnt.